Ölpreis fällt 5 % auf 98 Dollar: Was die Entspannung am Persischen Golf für die deutsche Industrie bedeutet
Der Brent-Ölpreis ist am Montag, dem 25. Mai 2026, um rund 5 % auf 98,30 Dollar pro Barrel gefallen — der WTI gab um 4,89 % auf 91,65 Dollar nach. Auslöser: US-Präsident Donald Trump signalisierte auf Truth Social über das Wochenende, dass die Verhandlungen mit dem Iran ‚in geordneter und konstruktiver Weise‘ voranschreiten und ein Abkommen zur Wiedereröffnung der Straße von Hormuz ‚weitgehend ausgehandelt‘ sei. Für die deutsche Industrie — insbesondere für die Chemiebranche und die Automobilhersteller, die im Mittelpunkt der Iran-Krise stehen — bedeutet die Entspannung ein willkommenes Atempausen.
Trump: ‚Die Zeit spielt für uns‘
Auf Truth Social schrieb Trump am Sonntag: ‚Die Verhandlungen verlaufen in geordneter und konstruktiver Weise, und ich habe meine Vertreter angewiesen, kein Abkommen überstürzt zu schließen, da die Zeit für uns spielt.“ Zuvor hatte er am Samstag erklärt, eine Vereinbarung zur Öffnung der Straße von Hormuz und zur Lösung weiterer Streitpunkte sei ‚weitgehend ausgehandelt‘ und werde bald angekündigt. Diese vergleichsweise moderate Tonlage des Präsidenten — angesichts seiner deutlich kriegerischeren Aussagen der vergangenen Wochen — hat zu einer breiten Verkaufswelle an den Ölmärkten geführt.
Inflation in Deutschland: noch immer bei 2,9 %
Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, hatte im Mai gewarnt, die Inflation in Deutschland werde sich ‚deutlich in Richtung 3 Prozent‘ bewegen — eine Aussage, die durch die Eurostat-Schätzung vom 30. April bestätigt wurde: Die Eurozonen-Inflation kletterte im April 2026 auf 3,0 % (gegenüber 1,9 % im Februar), getrieben durch einen 10,9-prozentigen Anstieg der Energiepreise. Eine nachhaltige Entspannung am Ölmarkt würde die Inflationsdynamik in den kommenden Monaten signifikant abschwächen — und damit die Geldpolitik der EZB erleichtern.
Bundesbank-Prognose: BIP-Wachstum 0,5 %
Die Bundesbank prognostiziert für 2026 ein deutsches BIP-Wachstum von lediglich 0,5 % — eine Zahl, die Katherina Reiche, Bundeswirtschaftsministerin, in der Frühjahrsprojektion bestätigt hat. Die Bewährungsprobe der nächsten Monate wird sein, ob die Energieentspannung sich rechtzeitig durchsetzt, um die Investitionsentscheidungen der Industrie positiv zu beeinflussen, oder ob die anhaltende Verunsicherung weitere Produktionsstopps in der energieintensiven Industrie auslöst.
Chemiebranche im Fokus
Die deutsche Chemieindustrie — vertreten durch Branchenführer wie BASF, Bayer und Evonik — ist besonders anfällig für anhaltend hohe Energie- und Rohstoffpreise. Bei Brent über 100 Dollar pro Barrel hatten mehrere Standorte angekündigt, Produktionslinien zu drosseln oder verlegen zu wollen. Eine Stabilisierung um 90-100 Dollar wäre weiterhin herausfordernd, würde aber die akute Krisendynamik entschärfen. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hatte im April vor strukturellen Wettbewerbsnachteilen gegenüber US-amerikanischen und chinesischen Wettbewerbern gewarnt.
Automobil: Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz
Für die deutsche Automobilindustrie kombiniert die Energieentspannung sich mit der Aussicht auf das EU-US-Handelsabkommen, das am 20. Mai im Parlament-Rat-Trilog verabschiedet wurde. Die USA verpflichten sich, ihre 27,5-prozentigen Zölle auf EU-Autos rückwirkend zum 1. August 2025 auf 15 % zu senken — eine signifikante Entlastung für Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz. Kombiniert mit niedrigeren Energie- und Rohstoffkosten könnten sich die Margen der deutschen Premium-Marken in der zweiten Jahreshälfte 2026 spürbar stabilisieren.
Aviation: Lufthansa profitiert
Die Deutsche Lufthansa gehört zu den klassischen Gewinnern der Ölpreisentspannung. Kerosin macht zwischen 20 und 30 % der variablen Kosten einer Fluggesellschaft aus. Bei Brent dauerhaft unter 100 Dollar wäre die Lufthansa in der Lage, die Margen auf interkontinentalen Strecken zu stabilisieren — wichtig für die Sommersaison, die mit höchster Auslastung beginnt. Die Aktie der Lufthansa hatte am Freitag um 2,1 % zugelegt, gestützt von den Iran-Friedenssignalen.
EZB-Entscheidung am 5. Juni
Der nächste geldpolitische Termin steht unmittelbar bevor: Der EZB-Rat tagt am 4. und 5. Juni 2026 in Frankfurt. Nach fünf aufeinanderfolgenden Beibehaltungsentscheidungen seit Juli 2025 zwingt die Eurozonen-Inflation von 3,0 % im April die Frage auf, ob die Lockerung in eine Zinserhöhung umgekehrt werden muss. Die Märkte bepreisen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von rund 60 % für eine Anhebung um 25 Basispunkte am 5. Juni — ein bedeutender Wendepunkt der europäischen Geldpolitik, falls bestätigt.
Ausblick: Vorsicht bleibt geboten
Trotz der Entspannung der vergangenen Tage bleibt die Lage am Persischen Golf instabil. Trump hat in den letzten Monaten mehrfach optimistische Signale gesetzt, nur um wenige Tage später wieder eine eskalierende Tonlage zu wählen — und sogar Bilder zu posten, auf denen US-Militäreinsätze gegen iranische Schiffe zu sehen sind. Für die deutsche Industrie und die EZB heißt das: Die Hoffnung auf eine nachhaltige Entspannung muss mit der Vorsicht gegenüber neuen geopolitischen Schocks kombiniert werden. Die nächsten Wochen werden entscheidend sein — nicht nur für die Rohstoffpreise, sondern auch für die strategische Ausrichtung der europäischen Industriepolitik.
