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‚Merzoni‘: Wie die deutsch-italienische Achse das EU-Machtgleichgewicht verändert — Stand vor dem Wettbewerbsfähigkeitsrat

Vier Monate nach dem deutsch-italienischen Gipfel in Rom am 23. Januar 2026 prägt die Achse Friedrich Merz-Giorgia Meloni — von der internationalen Presse mittlerweile als ‚Merzoni‘ getauft — die EU-Diskussion über Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigungsindustrie und Migrationspolitik in einer Weise, die noch vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre. Mit dem Wettbewerbsfähigkeitsrat am 28. Mai 2026, der über den Industrial Accelerator Act debattieren wird, steht die nächste Bewährungsprobe für das deutsch-italienische Tandem unmittelbar bevor.

Der Rom-Gipfel vom 23. Januar 2026

Bei den 33. deutsch-italienischen Regierungskonsultationen in Rom unterzeichneten Bundeskanzler Merz und Ministerpräsidentin Meloni eine politische Erklärung zur verstärkten Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung und Cybersicherheit sowie ein aktualisiertes deutsch-italienisches Aktionsplandokument von 2023. ‚Wir wollen 2026 zu einem Jahr der Chancen und der Entscheidungen machen‘, erklärte Merz auf der gemeinsamen Pressekonferenz. ‚Wir wollen die industrielle Wettbewerbsfähigkeit stärken und die Sicherheit verbessern.“ 75 Jahre nach der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern bezeichnete der Kanzler das Verhältnis als ‚enger denn je‘.

Meloni: ‚Autoritatives, wettbewerbsfähiges Europa‘

Die italienische Ministerpräsidentin formulierte die strategische Ambition deutlicher: ‚Wir müssen ein autoritatives, wettbewerbsfähiges Europa mit eigener strategischer Autonomie aufbauen“, erklärte Meloni nach den morgendlichen Gesprächen in der Villa Doria Pamphilj. ‚Italien und Deutschland tragen in dieser historischen Phase eine besondere Verantwortung: Die EU muss entscheiden, ob sie Protagonistin ihres Schicksals sein will.“ Ein Anspruch, der die Tonlage der traditionell deutsch-französischen EU-Diskussion deutlich verändert hat.

Leonardo-Rheinmetall: 25 Milliarden Euro

Konkretes Ergebnis der vertieften Zusammenarbeit: Das Joint Venture zwischen dem italienischen Rüstungskonzern Leonardo und dem deutschen Unternehmen Rheinmetall hat einen Auftragsumfang von rund 25 Milliarden Euro. Mit Sitz in Italien wird das Vorhaben als erste Keimzelle einer europäischen Verteidigungsindustriearchitektur verstanden — ein politisches Signal, das von Berlin und Rom gleichermaßen als Reaktion auf die Forderung Washingtons nach höheren Verteidigungsausgaben der NATO-Partner inszeniert wird.

Industrial Accelerator Act im Mittelpunkt

Beim Wettbewerbsfähigkeitsrat am 28. Mai 2026 in Brüssel stehen die Themen Binnenmarkt und Industrie im Vordergrund. Die Minister werden eine politische Debatte über den Industrial Accelerator Act führen, mit Schwerpunkt auf der besten Nutzung des Binnenmarktzugangs durch europäische Präferenz und kohlenstoffarme Anforderungen. Die deutsche und die italienische Position sind im Vorfeld weitgehend abgestimmt: Beide Hauptstädte fordern eine deutliche Lockerung der EU-Regulierung im Industriebereich, insbesondere bei den ESG-Anforderungen und der Sektor-spezifischen Beihilfekontrolle.

Der gemeinsame Brief vom Februar

Bei einem informellen Gipfel am 12. Februar 2026 stellten Merz und Meloni ein gemeinsam erarbeitetes Positionspapier vor, das EU-Partner zu Reformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit des Blocks aufrief. Das Papier umfasst Vorschläge zur Vereinfachung der Bürokratie, zur Beschleunigung der Energiewende und zur Stärkung der Verteidigungsindustrie. Es repräsentiert das erste Mal in jüngster EU-Geschichte, dass Berlin und Rom gemeinsam ein strategisches Papier vor einem EU-Rat vorlegen — traditionell die Rolle des deutsch-französischen Tandems.

Der Davos-Auftakt

Bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar hatte Merz die strategische Ausrichtung skizziert: Er habe gemeinsam mit Meloni ’neue Ideen‘ entwickelt, um die EU zu transformieren, ‚die bald vorgeschlagen werden‘, einschließlich ‚einer Notbremse für die Bürokratie‘ des Blocks. Die deutsche Tageszeitung Handelsblatt schrieb im Januar, Meloni werde ‚ein immer wichtigerer Verbündeter‘ für Berlin — eine Einschätzung, die heute durch die strategische Annäherung der letzten Monate vollumfänglich bestätigt ist.

Migrationspolitik: das Albanien-Modell

Ein zentrales Element der deutsch-italienischen Zusammenarbeit ist die Migrationspolitik. Bundeskanzler Merz hat sich offen gegenüber dem von Meloni entwickelten ‚Albanien-Modell‘ gezeigt, das die Bearbeitung von Asylgesuchen in Drittstaaten vorsieht. Die formelle Zusammenarbeit der Innenminister beider Länder wurde intensiviert. Bei der vor wenigen Wochen erfolgten Telefonkonferenz erklärte Meloni, sie sehe Deutschland und Italien als ‚in der Synchronizität‘ beim Thema Migration. Beide Hauptstädte streben eine substanzielle Lockerung der EU-Standards bei der Rückführung in Drittstaaten an.

Ausblick: Die Bewährungsprobe naht

Das deutsch-italienische Tandem steht vor mehreren strategischen Herausforderungen. Der nächste deutsch-italienische Gipfel ist für Anfang 2026 in Italien geplant, also kurzfristig. Beim EU-Westbalkangipfel und beim Allgemeinen Rat in dieser Woche werden die ersten konkreten Tests folgen. Mittelfristig stellt sich die Frage, ob die Achse strukturell tragfähig ist oder ob sie eine konjunkturelle Erscheinung der derzeitigen geopolitischen Lage bleibt. Eines ist jedoch sicher: Die EU-Machtarchitektur hat sich verschoben — und Berlin und Rom spielen darin eine neue Rolle, die mit dem traditionellen französisch-deutschen Modell nicht mehr ohne Weiteres kompatibel ist.

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