DAX bei 25.337 Punkten: Deutsche Wirtschaftsbosse verlieren den Glauben an Merz – „ohne Wachstum verloren”

Der DAX hat am Mittwoch 27. Mai 2026 nahezu unverändert bei 25 337,42 Punkten geschlossen (-0,03%), nachdem er im Tagesverlauf zeitweise deutlicher zugelegt hatte. Der intra-Tages-Höchststand lag bei 25 459 Punkten, getragen von einer Welle der Risikobereitschaft nach den Berichten der iranischen Staatsfernsehen über einen vorläufigen Rahmenvertrag mit Washington. Die Schlussabrechnung blieb dennoch flach — ein Spiegel der gemischten Stimmung am deutschen Standort: makroökonomisch positive Impulse, politisch zunehmend belastete Aussichten.

Der ifo-Geschäftsklimaindex überrascht positiv

Der ifo-Geschäftsklimaindex für Mai 2026, am Mittwoch früh veröffentlicht, übertraf die Konsenserwartungen mit 87,4 Punkten gegenüber 86,1 Punkten prognostiziert. Die Verbesserung resultiert aus einer leicht optimistischen Komponente der Geschäftserwartungen — was in der ökonomischen Forschungsabteilung des ifo Instituts als „erstes vorsichtiges Anzeichen einer Konjunkturwende” gewertet wird. Das Statistische Bundesamt bestätigte parallel die zweite Schätzung des deutschen BIP für das erste Quartal 2026 mit einem Wachstum von 0,2% zum Vorquartal — schwach, aber zumindest positiv.

Die DAX-Sektoren im Detail

Die Sektoren-Performance war am Mittwoch besonders aussagekräftig. Die Automobilhersteller — Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz — konsolidierten ihre jüngsten Gewinne nach einer durchwachsenen Vorwoche, mit knappen Plus- und Minus-Bewegungen. Die Chemie-Schwergewichte — BASF, Bayer, Henkel — profitierten dagegen direkt vom Ölpreis-Rückgang und legten zwischen 1,2% und 2,8% zu. Die Reisebranche und Lufthansa stiegen auf neue Mehrjahreshöchststände: Lufthansa schloss mit +5,3% bei 9,14 Euro, dem höchsten Niveau seit November 2019.

Wirtschaftsbosse-Vertrauen erodiert

Parallel zu den Markttrends erschienen am Mittwoch in mehreren großen Wirtschaftsmedien ungewöhnlich kritische Analysen über das schwindende Vertrauen deutscher Wirtschaftsbosse in Bundeskanzler Friedrich Merz. Capital.de titelte: „Wie Friedrich Merz die Wirtschaft gegen sich aufbringt”. STERN.de übernahm den Titel mit eigener Recherche. Beide Texte zitieren mehrere — nicht namentlich genannte — DAX-CEOs, die zur Auffassung kommen, dass „die Wachstumswende ausbleibt, die Bürokratie wächst, und die strukturellen Probleme des deutschen Wirtschaftsstandorts werden nicht angegangen”.

Der BDI-Memorandum

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte erst am Dienstag in einem 12-seitigen Memorandum die „unzureichende Geschwindigkeit der Reformagenda” gerügt. Das Dokument, unterzeichnet vom BDI-Präsidenten Siegfried Russwurm, identifiziert sechs Reformbereiche, in denen „die Koalitionsvereinbarung bislang nicht in konkrete Gesetzesvorhaben übersetzt wurde”: Bürokratieabbau, Energiepreisreform, Steuerreform, Migration in den Arbeitsmarkt, Forschungsförderung und Digitalisierung der Verwaltung. Die Bundesregierung reagierte mit einer kurzen Erklärung, in der auf „eine umfangreiche Liste laufender Reformprojekte” verwiesen wurde — ohne konkrete Zeitpläne zu nennen.

Das Sondervermögen und seine Umsetzung

Ein zentraler Spannungspunkt bleibt das 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung, das im März 2025 vom Bundestag verabschiedet wurde. Nach 15 Monaten Umsetzung sind erst 87 Milliarden Euro effektiv abgerufen worden — eine Quote von 17,4%, deutlich unter dem mit Brüssel vereinbarten Pfad. Der parlamentarische Haushaltsausschuss hat am Dienstag eine Sondersitzung anberaumt, um die Implementierungsprobleme zu adressieren. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hatte vor der Sitzung „eine vollständige Inventur des Mittelabflusses” angekündigt.

VW, BMW, Mercedes: ein Pause-Tag

Die deutschen Autobauer hatten am Mittwoch einen relativ ruhigen Handelstag, mit Bewegungen zwischen -0,5% und +0,8%. Die wesentliche Nachricht aus dem Sektor war ein Aufsichtsratsbeschluss von BMW, die Produktion des neuen elektrischen 3er ab 2027 vollständig in das Werk Debrecen (Ungarn) zu verlagern — eine Entscheidung, die in Deutschland zu Spannungen mit der IG Metall führen wird. Volkswagen kündigte parallel einen Investitionsplan über 3,4 Milliarden Euro für die Modernisierung der Werke Wolfsburg und Emden an. Mercedes-Benz Group AG erwartet die Veröffentlichung ihrer mittelfristigen Strategie für Juli 2026.

Lufthansa und der Iran-Faktor

Lufthansa war mit einem Plus von 5,3% der mit Abstand beste DAX-Wert des Tages. Das Kerosin macht rund 30% der operativen Kosten der Airline aus — jeder Dollar Rückgang des Brent-Preises bedeutet bei konstantem Wechselkurs etwa 45 Millionen Euro weniger jährliche Tankkosten für den Konzern. Die Iran-USA-Annäherung, sollte sie zu einer Stabilisierung des Brent zwischen 85 und 90 Dollar führen, würde die Margenbasis der Lufthansa-Gruppe um 4-6 Prozentpunkte für 2026 verbessern. Eine ähnliche Bewegung war bei British Airways-Mutter IAG und Air France-KLM zu beobachten.

Der EZB-Faktor

Die nächste Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank am 11. Juni rückt ins Zentrum der Marktaufmerksamkeit. Nach dem Ölpreis-Rückgang am Mittwoch preisen die Geldmarkt-Futures eine 78%ige Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung um 25 Basispunkte ein — gegenüber 62% vor einer Woche. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach am Mittwoch in einer Rede in Sintra (Portugal) im Rahmen des EZB-Forums von „einer zunehmend günstigen Inflationskonstellation”. Der zehnjährige Bundesrendite stieg dennoch um zwei Basispunkte auf 2,42%, getragen von Risikobereitschaft und einer leichten Versteilerung der Renditekurve.

Was am Donnerstag zu beachten ist

Am Donnerstag, 28. Mai, stehen mehrere wichtige Termine an. Der Wettbewerbsrat der EU tagt in Brüssel — mit potenziellen Implikationen für die deutsche Industrie, insbesondere im Hinblick auf die geplante „EU Inc”-Initiative für eine pan-europäische Unternehmensform. Der GfK-Konsumklima-Index für Juni wird um 8 Uhr veröffentlicht. Mehrere DAX-Konzerne — Vonovia, Henkel, Symrise — laden zu Hauptversammlungen ein. Die Bundesnetzagentur wird voraussichtlich am Nachmittag die Ergebnisse der zweiten Auktion für Solar-Freiflächenanlagen bekannt geben.

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