Close-up view of a large industrial gas storage sphere with a surrounding metal staircase.

Gasspeicher bei 26 Prozent: INES warnt, Reiche sieht keinen Grund zur Sorge

Der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher lag Anfang Mai bei rund 26,12 Prozent — ein für die Mitte der Einspeicherperiode historisch niedriger Wert. Während Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) „keinen Grund zur Beunruhigung“ sieht, schlägt der Branchenverband INES (Initiative Erdgasspeicher Europa) Alarm. INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann warnte gegenüber Deutschlandfunk: „Es sollte uns zu denken geben, dass wir am Ende mit derart leeren Gasspeichern dastehen.“ Die Auseinandersetzung um die Wintervorbereitung 2026/27 hat begonnen.

Die Zahlen im Vergleich

Der historische Vergleich macht den Ernst der Lage sichtbar. Anfang Februar 2024 lag der Füllstand der deutschen Gasspeicher bei rund 74 Prozent. Zur selben Zeit 2025 waren es noch über 50 Prozent. Im Mai 2026 sind es 26 Prozent. Die Speicherkapazität Deutschlands ist mit rund 255 Terawattstunden die größte der EU — was die Verantwortung des Landes für die europäische Versorgungssicherheit erhöht. Der zweitgrößte Speicher Europas liegt im deutschen Rehden; der größte im niederländischen Bergermeer.

Die EU hat im März 2026 die verbindliche Zielmarke für den 1. November von 90 auf 80 Prozent gesenkt — und einzelnen Mitgliedstaaten unter besonderen Umständen sogar Werte zwischen 70 und 75 Prozent zugestanden. Die Lockerung war eine Reaktion auf die Iran-Kriegs-bedingte Marktanspannung und sollte Panikkäufe verhindern. Für Deutschland bedeutet sie: Die Einspeicherperiode muss 54 Prozentpunkte in fünf Monaten aufholen — eine Geschwindigkeit, die ohne deutliche LNG-Importe nicht zu erreichen ist.

Reiches Beruhigungsstrategie

Die Bundeswirtschaftsministerin verfolgt eine bewusste Beruhigungsstrategie. Anders als die Vorgänger-Regierung unter Habeck, die die Versorgungslage nach Putins Angriff auf die Ukraine 2022 dramatisierte und damit erfolgreich Aufmerksamkeit für die Krise generierte, betont Reiche heute strukturelle Reserven: die Anschlüsse an norwegische Lieferungen, die LNG-Terminals in Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Stade, die Diversifizierung über Qatar und die USA, sowie die langfristigen Verträge, die seit 2022 mit verschiedenen Lieferanten abgeschlossen wurden.

Hinter der öffentlichen Gelassenheit steht allerdings ein klares Berechnungsproblem. Wenn die Einspeicherrate nicht deutlich ansteigt, lägen die Speicher Anfang November bei unter 70 Prozent — also unter dem von Brüssel definierten Minimalzielwert für ausnahmsweise Flexibilität. Ein kalter Winter könnte dann tatsächlich zu Engpässen führen, die die Industrie zu Drosselungen zwingen würden.

Hormus als externer Faktor

Der externe Faktor, den Reiche nicht beeinflussen kann, ist die teilweise Schließung der Straße von Hormus seit März 2026. Rund 20 Prozent des globalen LNG-Handels läuft normalerweise durch diesen Meerweg — vor allem Lieferungen aus Qatar nach Asien. Die Disruption bewirkt, dass asiatische Käufer auf den Spotmarkt drängen und Europa um die flexiblen Kapazitäten konkurrieren muss. Die TTF-Preise — der europäische Gas-Benchmark — liegen aktuell deutlich höher als im Vorjahresvergleich.

Die US-Strategie unter dem Namen „Project Freedom“ zur Wiederherstellung der Schifffahrtsfreiheit in Hormus ist eine der wenigen positiven Variablen für europäische Energieplaner. Eine vollständige Wiederherstellung des LNG-Verkehrs würde die Preise schnell entspannen und die Einspeicherrate für den deutschen Winter ermöglichen.

Die innenpolitische Dimension

Innenpolitisch hat die Gasspeicher-Debatte das Potenzial zu einem Konflikt zwischen Koalitionspartnern zu werden. Die SPD drängt auf staatliche Anreize zur beschleunigten Einspeicherung — auch wenn dies Verluste für die Marktteilnehmer bedeutet, die heute zu hohen Preisen einkaufen und im Winter zu möglicherweise niedrigeren verkaufen würden. Die Union bevorzugt einen marktorientierten Ansatz mit minimaler staatlicher Intervention. Die Lösung dieses Konflikts wird in den kommenden Wochen zu einem operativen Testfall für die Funktionsfähigkeit der schwarz-roten Koalition.

Quellen: Gas Infrastructure Europe (GIE); INES — Initiative Erdgasspeicher Europa; ms-aktuell.de; Statista; Deutschlandfunk; EU-Gas-Speicher-Verordnung 2022/1032.

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